Gesetzliche Krankenversicherung: Budget der Ärzte reicht nicht
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Unser Gesundheitssystem steckt in der Krise. Unter der einstigen Sparmaßnahme, die sogenannte Ärzte-Budgetierung, leidet die medizinische Versorgung und damit letztlich der Kassenpatient.
Das deutsche Gesundheitssystem steckt in einer tiefen Finanzierungskrise. Und der Leidtragende ist am Ende der Kassenpatient: der Gesundheitsfonds ist unzureichend, Krankenkassen drohen mit Zusatzbeiträgen, die gesetzlichen Krankenversicherung senkt die Leistungen, der Ärztemangel wird größer und die Versorgung der Bevölkerung durch die sogenannte Budgetierung erheblich erschwert.
Das Budget
Um die Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung einzudämmen, hat man die Budgetierung eingeführt, welche den Ärzten einen festen finanziellen Rahmen für ihre Tätigkeit aufzwingt. Dieser Rahmen ergibt sich zunächst aus der Pauschale jeder gesetzlichen Krankenkasse zur Versorgung ihre Versicherten. Den jeweiligen Gesamtbetrag überweisen die Kasse den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), welche aus diesem „Topf“ die Ärzte bezahlen. Diese bekommen also einen Anteil des Gesamtbudgets. Wie sich dieser Anteil berechnet ist äußerst kompliziert. Das Budget jedes Arztes besteht letztlich aus drei Komponenten: So gibt es eine Fallpauschale für die Behandlung eines Patienten, das Regelleistungsvolumen als quartalsweise Honorarobergrenze sowie die Arznei-, Heil- und Hilfsmittelbudgets der Praxis.
Mit diesem ihnen zugeteilten, festen Budget müssen die niedergelassenen Ärzte die Versorgung ihrer Patienten realisieren. Sollte es ihnen nicht möglich sein, ihr Budget einzuhalten, müssen die Ärzte die Mehrausgaben aus der eigenen Tasche zahlen. Solche Regresszahlungen können schwindelerregende Höhen erreichen. Erst im Januar 2010 beging ein verzweifelter niedersächsischer Arzt Selbstmord, weil er über 660.000 Euro zurückzahlen musste. Ärzte können aus mehreren Gründen nicht so haushalten, wie man es von einem Unternehmen her kennt. Eine konkrete Vorhersage der Einnahmen und Ausgaben ist praktisch nicht möglich, weshalb die Einhaltung des Budgets schon fast einem Glücksspiel gleicht.
Das Haushalten
Während sich ein Unternehmen durch mehr Aufträge aus einem Minus heraus wirtschaften kann, ist es einem Arzt nicht möglich, mehr Honorar für mehr behandelte Patienten zu erlangen. Die Einschränkung des Budgets und der Umstand, dass niedergelassene Ärzte häufig horrende Kredite für die Praxisausstattung und die medizinischen Gerätschaften zu bedienen haben, führt zum einen dazu, dass nötige Investitionen, bspw. in neue Geräte, nicht getätigt werden können. Zum anderen führt es zu Einsparungen an der medizinischen Versorgung des Patienten und zu vorübergehenden Praxisschließungen. Doch oftmals genügen auch diese Einsparungen nicht und so gab es in der Vergangenheit eine drastische Zunahme an Insolvenzen von niedergelassenen Ärzten. Diese Situation hat in der Vergangenheit zu Streiks und Demonstrationen geführt. Noch immer fordern die Ärzte vehement die Abschaffung der Budgetierung.
Der Patient
Doch die Auswirkungen für den Kassenpatienten sind enorm. Nicht nur, dass die Türen vieler Praxen gegen Quartalsende verschlossen bleiben. Sparmaßnahmen der Ärzte treffen auch die Verordnung der Medikamente und die Genehmigung von Untersuchungen. Was nach einem notwendigen Übel klingt, ist tatsächlich haarsträubend: Der Kassenpatient erhält dadurch keine optimale Behandlung mehr. Untersuchungen oder Verschreibungen, die der Patient unter anderen Umständen erhalten hätte, fallen geringer aus oder werden (soweit verantwortbar) gar nicht getätigt; bei Beschwerden, deren Ursache nicht gleich gefunden wird, tritt die Behandlung der Folge an die Stelle der Ursachensuche und -behandlung; die zügige Terminvergabe leidet; die Gesprächszeit wird rationalisiert und so weiter. Wenn gespart werden muss, um das Fortbestehen der Praxis zu sichern, wird eben tatsächlich gekürzt, wo es nur geht.
Der Unterschied
Eine optimale Behandlung ist für gesetzlich Versicherte alles andere als garantiert. Dieses Privileg ist leider nur den privat Versicherten vorbehalten. Weil die Abrechnung von Leistungen an Privatpatienten wesentlich lukrativer ist, da hier solche Einschränkungen nicht vorliegen, kommt es zu den üblichen Erfahrungen mit der Ungleichbehandlung zwischen privat und gesetzlich versicherten Patienten. Diese Unterschiede, die unter dem Begriff Zwei-Klassen-Medizin verstanden werden, sorgen für zusätzlichen Unmut in der zu rund 80 Prozent gesetzlich versicherten Bevölkerung.
Die Alternativen
Um dieser Situation zu entfliehen, gibt es die Möglichkeit, sich eine Krankenzusatzversicherung zuzulegen oder aber, sofern es möglich ist, sich privat versichern zu lassen. Im Falle eines Wechsels in die private Krankenversicherung entfallen all die aus der Budgetierung resultierenden Probleme. Mit einer Zusatzversicherung hingegen, kann man die Budget-Problematik nur dann umgehen, wenn es sich nicht um einen Ergänzungstarif handelt. Bei diesem Tarif leistet die Krankenzusatzversicherung nur nach Vorleistung der gesetzlichen Krankenkasse. Dieser Tarif ist günstiger und hilft, die schwache Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung im Vergleich zur privaten aufzubessern. Sie schützt aber nicht vor einer unzureichenden Behandlung bei ausgeschöpftem Budget. Bei einem Tarif, der den Versicherten tatsächlich auf den Status eines Privatpatienten hebt, kann der Arzt auch genauso abrechnen, wie bei einem Privatpatienten und so erhielte der Patient auch dieselben Leistungen. Diese Tarife sind jedoch um einiges teurer.
Der Arztwechsel
Wenn die erstgenannten Möglichkeiten nicht in Betracht kommen, man einem Arztwechsel aber auch nicht ablehnend gegenübersteht, dann sollte man sich die Zusammensetzung der Patienten im Wartezimmer seines Arztes ansehen. Ist der Altersdurchschnitt gemischt, so ist dies gut. Je jünger er ist, desto besser. Sollten jedoch viele Senioren diese Praxis aufsuchen, ist dies ein Zeichen dafür, das das Budget dieses Arztes früher erschöpft sein wird, als das eines Arztes mit einer jüngeren Patientenschaft. Die Krankheitskosten älterer Menschen fallen statistisch weitaus höher aus, als die jüngerer Menschen. Sie konsultieren den Arzt häufiger und benötigen mehr Untersuchungen und Verschreibungen als jüngere. Dadurch steht dem Arzt letztlich pro Patient weniger Budget zur Verfügung. So wird die Versorgung bei diesem Arzt unter dem Druck des Budgets wahrscheinlich etwas mehr leiden.
Der Kassenwechsel
Man kann mit seinem Arzt auch über seine Sicht auf die eigene Krankenkasse sprechen bzw. fragen, ob die Zusammenarbeit mit der eigenen Kasse gut funktioniert. Ärzte sehen Krankenkassen in einem anderen Licht, als Patienten es tun. Bei einigen Kassen haben sie häufiger Probleme in der Anerkennung ihrer Leistungen, bei anderen weniger oder gar keine. Somit kann ein Kassenwechsel die Behandlung verbessern. Doch er garantiert keinesfalls eine optimale Versorgung.
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